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Paul Verhaeghe
Autorität und Verantwortung

260 Seiten
lieferbar ab 28.09.2016

Übersetzt von Claudia Van Den Block
ISBN 978-3-95614-127-0

 


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Paul Verhaeghe

Autorität und Verantwortung


 

In einer verunsicherten Gesellschaft wird der Ruf nach Autorität immer lauter: nach dem starken Staat und klar definierbaren Werten und Normen – die nicht zuletzt in der Kindererziehung wieder für klare Verhältnisse sorgen sollen. Doch haben wir uns nicht gerade von autoritären Strukturen losgesagt, von der Macht der Patriarchen, moralischen Zwängen, religiösen Dogmen? Wie in seinem bahnbrechenden Buch Und ich? Identität in einer durchökonomisierten Gesellschaft geht der belgische Psychoanalytiker dem rasanten Wertewandel unserer westlichen Gesellschaften unter dem Diktat der neoliberalen Ökonomie auf den Grund. Er beschreibt jedoch auch neue, ermutigende Beispiele von Netzwerken und Gruppen mit flachen Hierarchien, sei es in Bürgerinitiativen, Elternvereinigungen oder Aktionärsversammlungen. In Umweltbewegungen und Stadtverwaltungen, in Erziehung und Pflege ist der Wandel zu dieser neuen Form von »horizontaler Autorität« bereits erfolgreich auf dem Weg.

Paul Verhaeghe (°5. November 1955) hat sowohl eine Ausbildung als klinischer Psychologe wie als Psychoanalytiker absolviert. Sein erstes Doktorat (1985) behandelte das Thema Hysterie, sein zweites (1992) die Psychodiagnostik. Er ist als ordentlicher Universitätsprofessor an der Universität Gent tätig. Seit 2000 gilt sein Interesse vor allem dem Einfluss gesellschaftlicher Veränderungen auf psychologische und psychiatrische Störungen.

Im Jahr 1978 schließt Verhaeghe sein Studium als Lizenziat der Psychologie an der Staatlichen Universität Gent (RUG) ab. 1985 erlangt er sein Doktorat in Psychologie (RUG) und 1992 ein spezielles Doktorat in Psychodiagnostik (RUG). Er erhielt seine psychoanalytische Ausbildung zuerst in der Belgischen Schule für Psychoanalyse (eigene Analyse bei J. Schotte), danach an der École de la Cause freudienne.
Nach seinem Studium war Verhaeghe als klinischer Psychologe-Psychotherapeut in einem Zentrum für Geistige Gesundheitspflege GGZ in Sint-Niklaas tätig, danach als klinischer Psychologe-Psychotherapeut in der Besonderen Jugendhilfe in Eeklo. Ende 1981 begann er seine Promotionsarbeit an der Universität Gent. 1992 wurde er zum Universitätsdozenten ernannt. Im Jahr 1996 erlangte er den Rang eines ordentlichen Universitätsprofessors. Verhaeghe unterrichtet Klinische Psychodiagnostik, Psychoanalytische Therapie und Geschlechterforschung. Er ist Leiter der Fachgruppe Psychoanalyse und Beratungspsychologie.
Als Fachgruppenvorsitzender motivierte er eine neue Generation psychoanalytisch geschulter Psychologen, empirische und klinische Forschung zu betreiben. Die Spannweite dieser Untersuchungen ermöglichte in kurzer Zeit die Bestellung von drei jungen Professoren. Derzeit liegt der Akzent der Fachgruppe auf der Forschung über die Wirkung psychotherapeutischer Prozesse aus psychoanalytischer Sicht sowie Forschungen zu einer klinisch brauchbareren Form von Psychodiagnostik. Verhaeghes Engagement für die Verbreitung der psychoanalytischen Therapie in der geistigen Gesundheitspflege geht ferner aus der Gründung von zwei postgraduellen Fortbildungen hervor.
1998 wurde Paul Verhaeghe mit der Veröffentlichung von “Liefde in tijden van eenzaamheid” (Liebe in Zeiten der Einsamkeit) bekannt, einem psychoanalytischen Vortrag über das Verhältnis zwischen Männern und Frauen. Ungeachtet des Schwierigkeitsgrades wurde das Buch ein unerwarteter Erfolg und ist mittlerweile in acht Sprachen übersetzt. 2008 erschien eine geringfügig überarbeitete Version beim Verlag De Bezige Bij.
Bis 2000 veröffentlichte Verhaeghe vor allem Artikel, in denen er die Arbeiten von Sigmund Freud und Jacques Lacan zu einer klinisch anwendbaren Therapie kombinierte. Mit “Over normaliteit en andere afwijkingen” (Über Normalität und andere Abweichungen, 2002) bot er eine Alternative für die DSM-Diagnostik, die amerikanische Ausgabe des Buches “On being normal and other disorders” erhielt den Goethe-Preis. Ein Schwerpunkt dieses Werkes ist die Neudefinition der Aktualpathologie, einer vergessenen Freud‘schen diagnostischen Kategorie, in der Alexithymie und ein gestörtes zwischenmenschliches Verhältnis im Mittelpunkt stehen.
Seit 2000 gehört Paul Verhaeghe einer Studiengruppe an, die im Schoß der IPV (Internationale Psychoanalytische Vereinigung) in Bezug auf die Berührungspunkte zwischen Neurologie und Psychoanalyse gegründet wurde. Die Zusammenarbeit mit Jaak Panksepp, Mark Solms u.a. überzeugte ihn von den Mängeln jeder Vorgehensweise, die den Menschen ausschließlich psychologisch oder ausschließlich körperlich zu verstehen versucht. Davon ausgehend nimmt er in “Het einde van de psychotherapie” (Das Ende der Psychotherapie) eine sehr kritische Haltung gegen die Reduktion psychologischer und psychiatrischer Probleme auf neurobiologische, erblich bedingte Erkrankungen ein. In “Identiteit” (Identität) spitzt er diese Haltung gegen eine szientistische Vorgangsweise (siehe: Szientismus) der Psychologie zu. Ein Essay in Buchform (2009), in dem er seine Ansicht über den Ödipuskomplex ausarbeitete, erhielt besondere Aufmerksamkeit in der angelsächsischen Welt. 2010 wurde Verhaeghe von den Louise-Bourgeois-Studios (New York) eingeladen, an einem Essayband über die Künstlerin mitzuwirken. Er erhielt als Erster vollständigen Zugang zu ihren Tagebüchern und konnte so eine neue Perspektive auf ihr Werk vorlegen.
Ab der Jahrtausendwende richtete sich Verhaeghes Aufmerksamkeit auf die explosive Zunahme mentaler Störungen, die Dominanz einer auf Labels basierenden Psychodiagnostik (DSM) und den Zusammenhang mit gesellschaftlichen Veränderungen. In einem Vortrag in Dublin (2007) beklagte er, dass die klassische Psychotherapie unter dem Einfluss der Labeldiagnostik und einer bestimmten Auslegung von evidenzbasierter Forschung im Verschwinden begriffen sei. Die Organisatoren stellten das Video des Vortrags ins Internet, wodurch seine Thesen große Beachtung fanden. Eine überarbeitete Fassung wurde zum Kernstück des Buches “Het einde van de psychotherapie” (Das Ende der Psychotherapie, 2009), das in kurzer Zeit sieben Nachdrucke erfuhr.
Aufgrund der Forschung mit seiner Fachgruppe zum Thema Burn-out und Depression richtete sich Verhaeghes Aufmerksamkeit immer mehr auf die kombinierten Auswirkungen von gesellschaftlicher Veränderung und Arbeitsorganisation, was er in seinem Oikos-Vortrag 2010 ausführte. Die Veröffentlichung dieses Vortrags (2011) und die digitale Übernahme des Textes durch die Website der liberalen Expertengruppe „Liberales“ sorgten für das entsprechende öffentliche Interesse. Im Jahr 2011 wurde dieses Werk von Liberales als ‘Essay des Jahres’ ausgezeichnet.
Eine weitere Vertiefung dieser Arbeit brachte Verhaeghe zu der These, dass der gegenwärtige Identitätsbegriff auf einer neoliberalen Ideologie basiert und dass eine derartige Identitätsbildung gegen unsere evolutionär begründete soziale Art verstößt. Ende Januar 2012 hielt Verhaeghe an einem nationalen belgischen Streiktag einen Vortrag im Kunstzentrum Vooruit Gent, in dem er die Bankenkrise als direkte Folge der neoliberalen Ideologie bezeichnete. Eine überarbeitete Fassung des Textes beim Paul-Verbraeke-Vortrag in Antwerpen und dessen anschließende Veröffentlichung stießen in Flandern auf breites Interesse. Dieser Vortrag basierte auf zwei Kapiteln von “Identiteit”, einem Buch, das im Herbst 2012 erschien und sowohl in den Niederlanden als auch in Flandern seinen Weg zu einem großen Publikum fand. Mittlerweile liegen auch eine englische und eine deutsche Ausgabe vor.
Im ersten Teil von “Identiteit” argumentiert Verhaeghe, dass unsere psychologische Identität eine Konstruktion auf einem evolutionär begründeten Unterbau ist. Evolutionär betrachtet ist der Mensch ein soziales Wesen, in dem zwei entgegengesetzte Verhaltenstendenzen wirken: einerseits die Ausrichtung auf Gemeinschaft und Teilen, andererseits die Ausrichtung auf Individualismus und Nehmen. Welche der beiden Tendenzen bei der Konstruktion der Identität die Oberhand gewinnt, wird durch das Gesellschaftsmodell bestimmt. Im zweiten Teil beschreibt er die heutige Gesellschaft als neoliberal, wobei er den Neoliberalismus als neue Version des Sozialdarwinismus auffasst. Die durch ihn bestimmte Identitätsentwicklung ist nach seiner Auffassung negativ, weil sie gegen die soziale Art des Menschen verstößt. Negative Auswirkungen des Neoliberalismus findet er auch in der Organisation des Schulunterrichts, der wissenschaftlichen Forschung und des Gesundheitswesens. Im letzten Kapitel erklärt er, dass Veränderung von unten ausgehen muss, da die neoliberale Ideologie mittlerweile Bestandteil unserer Identität ist.